An INTERVIEW by Dario Rutigliano and Barbara Scott, ARTiculAction Art Review, released 10.08.2016.

X-Border Catalogue

An interview and video by Pilvi Keto-LeBlanc and Panu Johansson about the work "letters from Utopia" and "Heimat is somewhere else". X-border-biennial Rovaniemi/ Finland 2013


 

(Translation, Laudatio, Art Prize of the town of Krumbach/DE, 12.03.2013)

 

"It sounds tautological in the first moment, but triggers some questions: Is it possible to find home again? Is it possible to have it only in the past or is home finally a utopia or a trauma? These general questions comprehends and handles Eri Kassnel in a very personal and quiet way, which yet doesn’t exclude the beholder, but attracts him by sensual presence: (…) the photographs are to some extent historic relics, but to even bigger extent own pictures of the artist, most of them snapshots out of the moving car; in so doing the travelling, the searching, the not-being-at-home is approached. At the same time the new pictures, which where coated by a digital patina, reflect the complexity of the search for a home: they are pictures of longing and fake at the same time; they ever and anon try to acquire the past and search for one’s position in the present. The art piece is no spectacular eye-catcher – it is a calm, consequently configured work. It develops more aspects and touches more strings, the more you do it at your leisure."


(Übersetzung VideoGUD):

"Mit dem Werk Heimat ist anderswo erforscht Eri Kassnel die schmerzhafte Erfahrung getrennt zu sein von Zusammenhängen und Beziehungen, in denen wir uns wiedererkennen können; der Verlust eines verloren gegangenen Daseins und die Sehnsucht wieder ein Zuhause zu finden. Durch den archivierenden Augenblick des Fotoalbums können wir uns in die Erinnerung versenken und hoffen, dass uns die geordnete Reihnfolge der Bilder eine aufrichtige Antwort gibt, die mit den wiedererweckten Gefühlen und Sinnenseindrücken übereinstimmt.

Aber die Fotografien in Kassnels Werk empfehlen nie einen Weg zurück. In gewisser Weise tragen sie eine tatsächliche Patina und sind verknüpft an einen emotionalen Wert. Aber in noch größerem Ausmaß wurden sie manipuliert um an etwas Wohlbekanntes zu erinnern, jedoch auch Befremdliches oder Vortäuschendes, da die Fotografien aus einem sich bewegenden Auto gemacht wurden. Die Dynamik der Bewegung eröffnet die Möglichkeit sich fort von der Nostalgie und ihrer unbewußten Idealisierung zu bewegen, und der Titel des Werkes läßt die Fortsetzung der Suche offen. Vielleicht ist Heimat kein Ort, sondern ein sozialer Prozess, in dem wir die Chance bekommen einander kennenzulernen? Vielleicht können wir auf andere Weise nach Hause finden?

Eri Kassnel (geb. 1973 in Timisoara, Rumänien) studierte an der Hochschule der Künste in Bern und arbeitet in Diedorf, Deutschland. Mit ihren Installationen, Kollagen, Fotografien und Gestaltungen in unklaren Bildern kehrt sie oft zurück zur Tragweite der Erinnerung im Konstrukt des eigenen Ichs, und wie die Reflexion über Ursprung und Heimat das Leben im Exil beeinflusst."



Auszug aus der Eröffnungsrede von Helm Zirkelbach anlässlich der Ausstellung "Ansichts-Sache", 24.04.2016:

(...) Mit den 365 Kunstkarten auf schwarzen Holztafeln von Eri Kassnel kommt auf einen Schlag eine dritte wiederum ganz andere Handschrift ins Kunstspiel der Karten und unschwer erkennen wir viele religiöse Motive, Heiligenbilder und Darstellungen der Mutter Gottes und dem Jesuskind. Diese beginnt die Künstlerin zu verweben mit Fotografien aus ihrer eigenen Vergangenheit, somit verbindet sie auf faszinierende Art, lebende, ihr selbst bekannte Menschen, wie ihre eigene Mutter und verwebt sie mit der Muttergottes, stellt sie ins Zentrum, oder stülpt der Heiligendarstellung einen anderen größeren Kopf auf, das irritiert und lässt mich erstaunen, mit was für einer Leichtigkeit dies zu gelingen scheint.
Der gute Katholik glaubt an einen Gott, der Person ist, dies ist aber nicht zu beweisen und man muss daran glauben, um es dann als Wirklichkeit anzuerkennen. Die Seele ist dann das Symbol, das die Einheit des menschlichen und göttlichen Personseins umschreibt.
Eri Kassnels Darstellungen dieser Mutter-Sohn-Bindung zeigen für mich diese Gratwanderung auf, indem sie Personen aus ihrem Umfeld z.B. in eine mit Gold besetzte Monstranz schemenhaft einfügt und sie somit zur Anbetung und Verehrung frei gibt.
Oder die große schwarz gerahmte Collage (...). Auf weiß getünchter Zeitungsvorlage erscheint die Schwarz-Weiß Aufnahme einer Frau, vielleicht mit ihren zwei Töchtern? Sie tragen alle drei Kleider aus ein und demselben Stoff, in der Mitte ist eine Postkarte einer Monstranz mit Heiligenfiguren, darüber steht handschriftlich "Dreifaltigkeit". Bezieht sich nun die Dreifaltigkeit auf die Kleidung der Frauen oder aber auf die Anordnung und Göttlichkeit der Personen, das bleibt uns Betrachtern überlassen.

Manchmal ist mitten im Sommer Herbst, manchmal mitten im Tag etwas nächtliches, wie die negativ Aufnahme eines alten Baumes, ich bin fasziniert und ich fühle mich starr, wie ohne Gelenke, wie ohne Glieder.
Das Kind, der Säugling Jesus, wird ausgewechselt mit vielleicht dem Bruder oder sonst wem und es wird dadurch für uns alle begreifbar dass das Kleinkind nur im Vertrauensvorschuss auf seine Mutter sich entwickeln kann, nur im Vertrauen auf eine andere Person, kann das eigene Personsein sich fruchtbar entwickeln.
Auch zeigt uns die Künstlerin dass dies nicht immer gelingen kann, indem sie roboterhafte Dämonen auftauchen lässt, die Mutter komplett einschwärzt und verschleiert, indem sie eine Vielzahl von Störungen in die Beziehung einbaut und wir erahnen, dass wir selbst eine enorme Anzahl von Störungen in uns tragen.
Dies scheint für mich die zentrale Aussage der aufreibenden und durchaus verstörenden Ikonenhaften Bildchen der Eri Kassnel zu sein. (...)